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Narwale gehören mit Abstand zu den mysteriösesten Meeressäugern. Obwohl die Tiere schon seit Jahrhunderten bekannt sind und auch von Menschen genutzt und bejagt werden, ist relativ wenig über die Lebensweise dieser arktischen Walart bekannt. Vor allem der Stosszahn hat die Fantasien der Menschen immer angeregt. Jetzt haben Forscher der kanadischen Fischerei zum ersten Mal Videoaufnahmen gemacht, die zeigen, dass Narwalbullen tatsächlich auch ihre Stosszähne zum Fischen benutzen.

Bei Narwalen besitzen in erster Linie nur Männchen einen bis zu 3 m langen Stosszahn. Die übrigen Zähne sind zurückgebildet und die Tiere saugen wohl ihre Nahrung wie ein Staubsauger in den Mund. Bild: Michael Wenger
Bei Narwalen besitzen in erster Linie nur Männchen einen bis zu 3 m langen Stosszahn. Die übrigen Zähne sind zurückgebildet und die Tiere saugen wohl ihre Nahrung wie ein Staubsauger in den Mund. Bild: Michael Wenger

Die Videoaufnahmen, die von der Fischereiverwaltung Kanada mit Hilfe einer Drohne erstellt wurden, zeigen eine grosse Gruppe von Narwalen bei der Jagd auf Polardorsche. Auf den Aufnahmen ist klar zu sehen, wie die Tiere ihre Zähne hin und her bewegen und dann mit einem Schlag auf den Fisch diesen betäuben, um ihn dann einsaugen zu können. „Die Aufnahmen des Feldteams zeigen, wie die Narwalmännchen Polardorsche aufspüren, sie mit den Stosszähnen verfolgen. Dies sind eigentlich übergrosse, sehr empfindliche Reisszähne. Wenn die Spitze des Zahns über dem Fisch liegt, verpasst der Wal dem Fisch einen harten kurzen Schlag, der wahrscheinlich den Fisch betäubt und ihn bewegungsunfähig macht. Dann schwimmt der Wal auf den bewusstlosen Fisch und saugt seine Beute ein,“ erklärt Steve Ferguson, Wissenschaftler der Universität Manitoba und bei Fisheries and Oceans Canada (DFO). Bis dato war über dieses Verhalten bei Narwalen nichts bekannt. Es bestand lediglich die Theorie, dass Narwale ihre Stosszähne nutzen könnten, um Fische aufzuspüren.

Die Aufnahmen, die veröffentlich worden sind, zeigen die Narwale in einer Bucht des Tremblay Sound auf der Jagd nach Polardorschen. Die Tiere jagen scheinbar jeder für sich und treiben die Dorsche vor sich her. Bild: DFO
Die Aufnahmen, die veröffentlich worden sind, zeigen die Narwale in einer Bucht des Tremblay Sound auf der Jagd nach Polardorschen. Die Tiere jagen scheinbar jeder für sich und treiben die Dorsche vor sich her. Bild: DFO

Bob Hodgson von DFO sagt: „Aus meiner Sicht als Meerebiologe ist der Einsatz einer Drohne ziemlich einzigartig. Denn sie erlaubt uns einen Blick aus der Vogelperspektive, der nahe genug an den Tieren ist, aber sie trotzdem nicht stört. Aber gleichzeitig sind wir nahe genug für Aufnahmen, die uns diese Details sehen lassen, wie die Tiere jagen und sich verhalten. Es ist also eine komplett neue Sichtweise.“ Die Drohne wurde von einem Feldlager an der Küste gestartet und in den Aufnahmen, die auch auf Youtube veröffentlich worden waren, ist das Verhalten beinahe nicht zu sehen. Erst in einer Bild-für-Bild Analyse entdeckten die Forscher das Verhalten. „Sobald sie die Aufnahmen sahen, wussten die Forscher, dass da was ganz besonderes passiert und genauer betrachtet werden musste,“ erklärt Brandon Laforest von WWF Kanada, der bei den Aufnahmen dabei war. Die Videoaufnahmen wurden von Adam Ravetch, einem Naturfilmer, der im Auftrag des WWF die Expedition des DFO begleitet hatte.

Der Stosszahn bei Narwalen ist normalerweise der einzige Zahn und ist ursprünglich ein Prämolare oder Reisszahn. Er bildete die Grundlage für das sagenumwobene Einhorn, als die Wikinger mit den Zähnen Handel in Europa betrieben hatten.
Der Stosszahn bei Narwalen ist normalerweise der einzige Zahn und ist ursprünglich ein Prämolare oder Reisszahn. Er bildete die Grundlage für das sagenumwobene Einhorn, als die Wikinger mit den Zähnen Handel in Europa betrieben hatten.

Narwale gehören in die Gruppe von Zahnwalen und sind nahe mit Belugas verwandt. Der Stosszahn ist der einzige Zahn, der sich komplett ausbildet, die übrigen bleiben als Anlagen im Kieferknochen. Ihre Beute besteht zum grössten Teil aus Fischen wir Heilbutt und Polardorschen, aber auch Kalmare und andere Wirbellose wurden schon gefunden. Bisher hat man angenommen, dass die Zähne nur als Hilfsorgan zum Aufspüren der Beute dienen und die Tiere eigentlich wie Delfine und andere Zahnwale sich vor allem auf ihre enorm ausgeprägte Echolokation verlassen. Denn Stosszähne sind normalerweise ein Merkmal bei Bullen, nur ca. 15% der Weibchen bilden einen kleinen Stosszahn aus. Es stellt sich nun die Frage, wie stark dieses Verhalten ausgeprägt ist, was die Weibchen und Jungtiere, die keinen oder nur einen kleinen Stosszahn haben, tun und ob Bullen diese Verhalten nutzen, um ihren höheren Energiebedarf zu decken oder sie durch dieses Verhalten zu mehr Nahrung und daher grösserem Körpergewicht gekommen sind. Marianne Marcoux, Narwalspezialistin beim DFO meint: „Was für mich jetzt sehr spannend ist, ist die Frage, was die Tiere sonst noch mit ihrem Zahn anstellen können.“

Narwale haben eine sehr lange Tragzeit (ca. 15 Monate) und die Jungen werden knapp zwei Jahre gesäugt. Weibchen und Kälber besitzen meist keinen Zahn und müssen wohl ihre Nahrung herkömmlich mit Echolokation jagen. Bild : Michael Wenger
Narwale haben eine sehr lange Tragzeit (ca. 15 Monate) und die Jungen werden knapp zwei Jahre gesäugt. Weibchen und Kälber besitzen meist keinen Zahn und müssen wohl ihre Nahrung herkömmlich mit Echolokation jagen. Bild : Michael Wenger

Quelle: Fisheries and Oceans Canada